Rosch ha-Schana: Persönlicher Wandel und die Zukunft des Planeten 

von Yonatan Neril

Teki'a, Teru'a, Teki'a: Das wichtigste Gebot Rosch ha-Schanas ist es, das Blasen des Schofars zu hören. Was aber ist so besonders an diesen drei Tönen? Und was haben sie mit dieser Zeit der Buße und Reflexion zu tun? In welcher Verbindung stehen sie mit der Welt in der wir leben?

Rabbiner Moshe Teitlebaum, der frühere Satmar-Rabbiner [1], vergleicht diese drei Töne des Schofars mit den drei Handlungsstadien einer Person. Der erste Ton – Teki'a – deutet einen einfachen Klang an, ohne Verzerrung, denn eine Person wird rechtschaffen und als göttliches Abbild geboren. Der zweite Teru'a-Ton ist aufgeteilt in drei kurze Blastöne und neun Stakkati. Sündigt ein Mensch, so zerbricht etwas in seinem Inneren. Der Teru'a erinnert auch an das Stöhnen und Klagen einer  bereuenden und Buße tuenden Person. Das Wiederkehren des Teki'a, eines ungebrochenen und vollen Klanges, symbolisiert dann die Rückkehr des Menschen zum erhabenen Status.

Was sich im Individuellen ereignet, gilt auch auf globaler Ebene. Wie Rabbi Herzl Hefter lehrt[2], entsprechen die drei Schofar-Töne Teki'a, Teru'a und Teki'a den drei Stufen menschlicher Geschichte. Der erste Teki'a symbolisiert Beständigkeit zwischen dem Ideal für diese Welt und der menschlichen Handlungsrealität. Diese Konstanz stammt von Gottes ursprünglicher Konzeption einer perfekten Welt, ohne Rücksichtnahme auf menschliche Makel. Der Garten Eden repräsentiert diese ideale Vorstellung, nach der Menschen gemäß des göttlichen Plans leben.

Der zweite Ton - Teru'a – repräsentiert die Erschütterung dieser Vorstellung durch den Sündenfall von Adam und Eva und der daraus resultierenden Disharmonie. Wir leben heutzutage in ebendieser erschütterten Welt – einer, in der das Streben nach dem Ideal oft verdrängt, wenn nicht gar vergessen ist. Der dritte Schofarton – wieder Teki'a – entspricht der Rückkehr zu dieser Idealvorstellung, dem erlösenden Zustand nach der Reparatur der Welt. Aber wie gelangen wir von der Gebrochenheit zur Ganzheit, sowohl im individuellen, als auch im universalen Fall?

Der erste Schritt besteht in der Einsicht, dass es einer Änderung bedarf sowie in der Verbesserung seiner Selbst. Rosch ha-Schana soll uns diesbezüglich anregen und in die richtige Richtung führen. Es erinnert uns daran, dass es möglich ist so zu leben wie wir es wollen, solange der Wille dazu auch besteht. Diese Zeit ehrlicher Selbstreflexion kann uns bei persönlichen Veränderungen helfen.

An diesem Rosch ha-Schana sollten wir uns fragen: Habe ich den Willen, mich zu ändern? Bin ich gewillt, mich tief verwurzelten Gewohnheiten und Verhaltensmuster zu stellen?

Persönliche Veränderung an Rosch ha-Schana kann einen Menschen zu einem neuen Selbst verhelfen. Im Jerusalemer Talmud[3] steht geschrieben, dass weil die Menschen alle zum Gericht an Rosch ha-Schana vor G'tt erschienen seien und es auch wieder friedlich verlassen hätten, G'tt sie als neu geschaffen betrachtete. Rabbi David Frankel aus Berlin (der Korban HaEda dieser Stellungnahme) vertritt die Lesart, dass Menschen dann neu erschaffen werden, so sie persönlich darum ringen, sich selbst zu wandeln.

Es mag ein Klischee sein, aber wahr ist es dennoch – es sind die kleinen Dinge des Alltags, die den Unterschied ausmachen. Der freundliche Umgang mit anderen, das Spenden eines Zehntels unseres Einkommens an gemeinnützige Zwecke, das Zurücklegen des zweiten Kekses, sich am Tag fünf oder zehn Minuten Zeit zur Selbstreflexion nehmen – all dies kann über eine ganze Lebensspanne gesehen einen großen Einfluss auf andere und uns selbst haben. Ebenso unser Umgang mit Öl, Wasser, Holz und anderen natürlichen Ressourcen. Die meisten globalen Umweltprobleme haben ihren Ursprung in der individuellen Übernutzung der Ressourcen – multipliziert mit einigen Hundertmillion oder Billionen Menschen auf dieser Welt.

Das Millenium Ecosystem Assessment[4], einer aktuellen internationalen Untersuchung unserer globalen Ökosysteme, stellt eine lebhafte Erinnerung dar an den gebrochenen Teru'a-Ruf einer ins Ungleichgewicht geratenen Welt. Der Report folgert, dass in den letzten fünfzig Jahren die Ökosysteme von den Menschen schneller und umfangreicher verändert wurden, als in jeder anderen vergleichbaren Epoche menschlicher Geschichte. Diese Veränderungen lassen sich auf den menschlichen Ressourcenverbrauch zurückführen, der der wachsenden Nachfrage nach Nahrung, Frischwasser, Holz und Treibstoff geschuldet ist. Das Resultat ist ein weitreichender und oftmals irreparabler Verlust der Diversität und, sofern nichts geändert wird, auch ein wesentlicher Verlust der verfügbaren Ressourcen für zukünftige Generationen. Tatsächlich ist es die Schlussfolgerung der Studie, dass während unsere Bedürfnisse wachsen, es zugleich unsere Handlungen sind, die die Ökosysteme dermaßen nachhaltig beschädigen, dass eine Befriedigung der Bedürfnisse unmöglich wird. Als Gesellschaft zerstören wir somit jene Ressourcen, von denen nicht nur wir, sondern auch unsere Kinder abhängen.

Die Zukunft menschlichen Lebens auf diesem Planeten hängt von der Fähigkeit der Menschen ab, ihre Verhaltensweisen zu ändern. Beispielsweise von unserer Art und Weise, mit Energie umzugehen. Der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien wird von Bedeutung sein, wichtiger aber wird sein, ob wir es schaffen werden, generell weniger Energie zu verbrauchen. Dies ist eine persönliche Wahl, die unzählige Male am Tag getroffen wird – was den Transport, die Beleuchtung und den Gerätegebrauch angeht. Der jeweilige Energieverbrauch jedes einzelnen von Billionen von Menschen wird darüber entscheiden, wie schwerwiegend der Klimawandel letztendlich sein wird und welchen Einfluss er auf die menschliche Zivilisation und die Erde haben wird.

Wir können die Welt ändern, indem wir uns selbst ändern. Rosch ha-Schana ist die ideale Zeit dafür, uns nach innen und außen zu verändern – was zwangsläufig zu einem Wandel der Welt führen wird. Rosch ha-Schana kann ein Neuanfang sein, um Änderungen umzusetzen und negative Seiten unseres Alltags anzugehen, falls man etwa stagniert oder zu selbstzufrieden geworden ist. Es kann dabei helfen, zu einem lebendigen und dynamischen Leben zurückzukehren.

Und wie lässt sich der Geburtstag der Erde, „Jom harat ha'olam“[5], besser begehen als durch unser Versprechen, wieder in Einklang mit ihr zu leben?!

Rabbi Nachman aus Bretzlaw lehrte, dass wenn man daran glaubt, dass es möglich ist zu zerstören, man zugleich daran glauben soll, dass eine Reparatur möglich ist.[6] Ebendies ist eine der zentralen Botschaften Rosch ha-Schana . Die Transformation unseres Selbst soll uns dabei behilflich sein, von der Zerbrochenheit eines Teru'a zur Harmonie und Ausgeglichenheit eines Teki'a zu gelangen. 

Mögen wir an diesem Rosch ha-Schana gesegnet sein, die tiefere Bedeutung des Schofarblasens zu erkennen und die Möglichkeit wahrzunehmen, ein wahrhaft neues Sein zu erreichen. Die Veränderung unseres persönlichen Selbst kann und wird auch dazu beitragen diese Welt zu einem perfekteren Zustand zurückzuführen.

Yonatan Neril it Gründer und Direktor der „Jewish Eco Seminars“. Er kann kontaktiert werden unter jneril1@gmail.com

Übersetzung Johanna Buch

Dieser Artikel erschien in der englischen Originalfassung auf Canfei Nesharim.org im Rahmen des Jahres des jüdischen Lernens über die Umwelt, das von Jewcology gesponsert wurde. Jewcology hat sich an der Übersetzung des Artikels nicht beteiligt. Schließe dich der globalen jüdischen Umweltdiskussion auf Jewcology.com an! 

[1] In Yismach Moshe, Parascha Kedoschim, 32b, Teil Gimel, basierend auf Shnei Luchot Habrit
[2] Basierend auf einigen Seminarstunden über Masecet Rosch ha-Schana an der Bat Ayin Yeshiva im Elul 5765.
[3] Masechet (Mischna Traktat) Rosch ha-Schana , S. 21
[4]Online einzusehen unter: www.milleniumassessment.org
[5]Teil des Mussaf-Gebetes an Rosch ha-Schana
[6]Likutei Moharan Tinyana, Lehre 113