Kedoschim (Wajikra 19:1 - 20:27)

Kedoschim

Parascha auf einem Bein

Die Parascha Kedoschim ist zwar kurz, aber reich an wichtigen Regeln. In unserem Fazit nennen wir die interessantesten. G-tt befiehlt Moses, er solle den Israeliten sagen, sie seien heilig. Der Ewige beschreibt, was konkret zu beachten ist, um die Heiligkeit zu behalten. Man soll:

  • Seine Mutter und seinen Vater ehren (“fürchten”).
  • Die „Schabbatot“ halten (damit ist wahrscheinlich auch die Schmitta, das Schabbat-Jahr, gemeint).
  • Man darf keinen Götzendienst begehen.
  • Das Friedensschlachtopfer muss in den ersten zwei Tagen nach Darbringung gegessen werden. Der Rest muss später, am dritten Tag, verbrannt werden.
  • Die Ecken des Feldes soll man nicht ernten, auch die Weinberge dürfen nicht bis auf die letzte Traube geerntet werden: Man soll immer etwas für die Armen und Fremden lassen.
  • Man darf weder stehlen noch betrügen.
  • Man muss die Arbeiter immer sofort bezahlen.
  • Man darf dem Tauben nicht fluchen und vor dem Blinden keinen „Anstoß legen“ (Wajikra 19:14).

Weiter lesen wir, dass man die anderen Menschen nicht hassen darf. Man soll sich nicht rächen, im Gegenteil, man muss die anderen Menschen lieben („Liebe deinen nächsten, wie dich selbst“ Wajikra 19:18). Man darf die Arten nicht vermischen, weder Tierarten, noch Pflanzen oder Saatgut. Eine Mischung aus Leinen und Wolle darf nicht getragen werden. Die ersten drei Jahre darf man kein Obst von einem jungen Baum ernten. Im vierten Jahr gehört es G-tt und erst im fünften Jahr ist es koscher und darf gegessen werden.

Die Tattoos werden verboten. Man darf sich das Haar an „Ecken des Bartes“ und „Vorderecken“ (Wajikra 19:27) nicht rasieren – wegen dieses Gebots trägt man übrigens die Schläfenlocken.

Man darf kein Blut essen. Magie darf nicht betrieben werden. Man muss einen Fremden mit Liebe behandeln und dabei die Erinnerung an das Schicksal der Hebräer in Ägypten immer im Kopf behalten (Wajikra 19:34). Die Älteren sollen geehrt werden. Wer seine Mutter und seinen Vater beleidigt, soll getötet werden. Dazu werden einige sexuelle Vergehen sowie ihre rechtlichen Folgen definiert. Vor allem werden die Fälle für die Todesstrafe genannt sowie jene Vergehen, die Karet (כרת), den Ausschluss aus dem Volk, nach sich ziehen.

Die vorigen Bewohner des Gelobten Landes haben solche Sünden begangen, deswegen wurden sie ausgelöscht und vertrieben. Die Hebräer sind für G-tt heilig.

Öko-Interpretation

„Du sollst dem Tauben nicht fluchen und vor dem Blinden keinen Anstoß legen. Fürchte Dich vor deinem Gott: Ich bin der Ewige.” (Wajikra 19:14). Dies ist eines der Gebote aus dieser Parscha, die das Mitgefühl mit den Schwächsten prägen sollen. Man darf dem Menschen mit Behinderung nicht absichtlich schaden. Auch die Fremden sind in dieser Parascha unter Schutz genommen. Man soll den Nächsten lieben, selbst wenn er fremd unter uns ist.

Rabbiner Hirsch (1808-1888), der Vater des modernen orthodoxen Judentums, meint im Kommentar zu dem Zitat über den Tauben und den Blinden, es handele sich hier nicht nur um einen körperlichen oder materiellen Schaden, sondern auch um das sittliche und seelische Wohl der Nächsten, das durch unser Handeln oder unsere Rede verursacht wird. Er meinte, dass das Glück unserer Nächsten in unseren Händen liege (Rabbiner Samson Raphael Hirsch, Kommentar zu Wajikra 19:14). Dieser Kommentar entspricht dem Geist der ganzen Parascha, die das Wohl der Anderen sehr ernst nimmt. Hierzu darf man beispielsweise niemanden betrügen, man darf nie beim Messen oder Wiegen schummeln. Man darf die Bezahlung der Arbeiter nicht verschieben. All dies betrifft die Menschen, dessen Schicksaal von uns abhängt. Man darf dem Blinden keinen Anstoß oder eine Stolperfalle legen. Der Blinde und der Taube werden als die verletzlichsten Gemeinschaftsmitglieder vorgestellt. Auch der Fremde ist schwächer als der Einheimische.

Es gibt verschiedene Typen der Hindernisse, die hier als „Stolperfallen“ genannt werden. „Torat Kohanim“, ein halachisches Midrasch, Auslegungen zum Buch Wajikra, analysiert eine nicht korrekte Information, die verursacht, dass Halacha (jüdisches Recht) gebrochen wird. Eine weitere Stolperfalle ist die absichtliche Desinformation der Menschen, die einen physischen Schaden verursacht. Menschen absichtlich irrezuführen, gehört zu den schlimmen Sünden, wird also, wenn sie das Wohl einer Person gefährdet, der Falschinformation (2. Stolperfalle) gleichgesetzt.

Diese zwei Kategorien wurden, schreibt Rabbiner Wisemon, um eine weitere ergänzt. Die dritte Kategorie aus dem Talmud ist eine Situation, in der ein Gegenstand freigestellt oder eine Situation geschaffen wird, die jemanden zu einem physischen oder moralischen Schaden führen kann. Darin liegt eine besondere Verantwortung, die einer Machtposition (ob einem Elternteil, Lehrer oder Politiker) innewohnt und die verbietet, diese Situation auszunutzen und so Abhängigen einen physischen, finanziellen oder moralischen Schaden zuzufügen. Die Verantwortung liegt also bei denjenigen, die eine Machtposition innehaben.

Die vierte Kategorie der Stolperfalle verfeinert den Sinn der Verantwortung. Hier handelt es sich um eine Situation oder einen emotionalen Zustand, in dem man sich selbst oder andere verletzen könnte, oder die Kontrolle über das eigene Urteil verliert.

Rabbiner Carmi Wisemon schreibt im Zusammenhang mit der letzten Kategorie über Konsum, der zum Baustein der modernen Gesellschaft geworden ist. Wir werden häufig informiert, dass ohne unsere Einkäufe allen Geschäften Insolvenz droht. Es ist tief in unserer modernen Mentalität verwurzelt, setzt Rabbiner Wisemon fort, dass Glück, Konsum und Besitzen fast untrennbar miteinander verbunden sind. Dies war allerdings nicht immer der Fall. Am Anfang des 20. Jhd.. waren die Menschen noch auf das Sparen orientiert. Man kaufte sich gelegentlich etwas. Tägliches Shopping war unvorstellbar. Am Anfang der Konsumgesellschaft, im England des XIX Jhd. war Konsum auf ein paar seltene Waren, wie Zucker, Kaffee, Tee, oder Tabak limitiert. Meistens waren die Gegenstände von ziemlich hoher Qualität. Erst  mit der Massenproduktion im 20 Jhd. kam die allgegenwärtige Einkaufskultur.

Wir haben unsere Konsumgewohnheiten als Gesellschaft radikal geändert, selbst wenn wir uns in Europa und Deutschland als Kontrast zu Amerika sehen, sind wir nicht von aggressiver Werbung frei. Alles ist sehr „billig“ geworden, heute hat man das Gefühl, dass man sich alles leisten kann. Die Spar- und Vorsorgemaßnahmen klingen weniger sexy als ein neues Auto oder Handy. Für viele ist es sehr schwierig, den realen Lebenshaltungskosten und ihren Konsumwünschen gerecht zu werden. Es ist zwar hierzulande noch nicht so schlimm wie in London oder New York, aber die Wohnungsnot ist groß und die Lebenskosten steigen spürbar.

Die Israelis müssen mit noch härteren Bedingungen klarkommen als wir hier, denn Bildung kostet in Israel mehr und Wohnungen sind teuer. Jeder Student macht monatlich im Durchschnitt über 250 Euro Schulden. 2013 überzogen 54% der israelischen Familien ihr Konto mindestens einmal. 2000 Familien verlieren jährlich ihr Zuhause, weil sie es nicht schaffen, den Kredit abzuzahlen. Diese Schulden entstehen nicht nur dadurch, dass das Notwendigste teurer geworden ist, sondern auch durch Konsumzwang. Vieles, was funktionsfähig ist, wird nur ausgewechselt, weil es mehr nicht modisch erscheint.

Unsere Ansicht darüber, was "notwendig“ ist, hat sich seit dem letzten Jahrhundert verändert. Damals kaufte man teure Sachen, die aber ganzes Leben lang halten sollten. Irgendwann in den 60er Jahren hat sich das im Westen geändert. Heute kostet ein neues Smartphone ca. 500 Euro, hält aber relativ kurz und wird nach zwei Jahren in der Regel durch ein neues Modell ersetzet, meistens, weil es nicht mehr „in“ ist. So wird vieles gleich für eine bestimmte Haltbarkeit (der angestrebten Modespanne) produziert. Wir sehen heute, dass die Produktion häufig auf Kosten der Qualität geht.

Wir sind in einer Situation, in der Millionen, Milliarden Euro darin investiert werden, uns in eine Situation zu bringen, in der wir mehr ausgeben, als wir haben. Ein bekanntes Beispiel: Der Coca-Cola-Konzern gibt für die Werbung jährlich 2,9 Milliarden Euro aus, dafür erkennen diese Marke 90 % aller Menschen in der Welt. So werden unsere Stolperfallen geschaffen, die uns dann blenden. Deswegen müssen wir das nicht verstärken. Vor allem die Kinder vor übertriebenen Konsumansprüchen zu schützen und selbst zu lernen, die Stolperfallen zu identifizieren, ist wichtig. Wir dürfen vor allem den anderen, die weniger haben, nicht zu verstehen geben, dass sie nicht so toll sind. Es ist eine Mizwa (unsere Pflicht und eine gute Tat), den Hyperkonsum zu beschränken und im Geiste des Pessach den wir vor paar Wochen gefeiert haben, Daienu (genug) zu sagen. Wir sind jetzt in der Omer-Zeit, in der wir unsere Seelen auf eine höhere Ebene erheben sollen, dies hilft dabei Selbstkontrolle zu üben.

Neben der Werbung, die uns täglich auf neue Einkaufsideen bringt, gibt es auch einige direkte Stolperfallen der Industrie. Voriges Jahr haben wir einige Meldungen darüber bekommen, dass die Exxon, die in den USA Öl und andere Brennstoffe liefert, seit vielen Jahren die Beglaubigung der Informationen finanziert, dass der Klimawandel nicht existiert. Wir haben dies mehrmals erwähnt, da der Fall einfach zeigt, welcher Kampf um die Geschichte des Klimawandels und um unsere Gewissen geführt wird. Die Autokonzerne fälschen bei der Berechnung des CO2-Ausstoßes, nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit. Dies sind perfekte Beispiele der verschiedenen Stolperfallen. Aus dieser Parascha lernen wir, dass die Position der Kraft sehr viel Verantwortung bedeutet. Am Beispiel der Panama Papers oder des VW-Skandals sehen wir, wie Machtpositionen ausgenutzt werden.

Aktivitäten:

  1. Finde heraus, welche Träume die Menschen in den 50er Jahren hatten? Was haben sich Deine Großeltern, oder Verwandten gewünscht? Was waren ihre Träume, wenn sie aus der Sowjetunion kamen?
  2. Was wünschst Du Dir und was möchtest Du unbedingt besitzen? Wie viel, denkst Du, kostet es? Wie lange musst Du dafür arbeiten?
  3. Wie sieht Dein glückliches Leben aus: Was brauchst Du dafür materiell, was brauchst Du dafür emotional?
  4. Was stört Dich am meisten an den neuen Gegenständen und Innovationen?
  5. Finde heraus, welche Tricks die Verkäufer und Produzenten verwenden. Zum Beispiel: Schaue die Packungen und ihren Inhalt in den Geschäften genau an. Manchmal sind die XXL Packungen gar nicht so groß, die gleichen Produkte werden mit unterschiedlichen Preisen verkauft. Wir empfehlen eine Aktion „ Die Mogelpackung des Monats“ der Verbraucherzentralle in Hamburg.
  6. Eine Übung: Geh mal durch deine Wohnung und sieh:
    1. welche Sachen es wert wären, Deinen Enkelkindern vererbt zu werden,
    2. welche Sachen Du bei einen Umzug in eine kleiner Wohnung mitnehmen würdest?
    3. was Du dieses und voriges Jahr weniger als einmal benutzt hast.

Materialien:

  1. Lies Empfehlungen des Rabbiners Carmi Wisemon.
  2. Sieh Dir Story of Stuff an.
  3. Schließe Dich einer Tauschliste an. Sieh, ob es in Deiner Stadt Freecycle oder andere Tausch-Projekte (Free Your Stuff) oder Umsonst-Läden gibt.
  4. Organisiere einen Tauschabend mit Freunden.
  5. Kauf bei Charity Projekten, Behinderte-Werkstätten an. Bevorzuge die Fair-Trade- Produkte.

Quellen:

Dieser Artikel wurde von Rabbiner Carmi Wisemons Kommentar zur Parascha Kedoschim: „Stumbling Blocks“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.