Tora Wochenabschnitt


behar clean

Behar 
Wajikra 25:1-26:2

Die Parascha auf einem Bein

Behar Sinai: “der Ewige redete auf dem Berg Sinai“.

Moses erhält die Gesetze über das Schabbatjahr, die Schmitta. In jedem siebten Jahr soll die landwirtschaftliche Arbeit pausieren. Der Ertrag darf von allen Menschen und Tieren direkt auf dem Feld gegessen werden, es wird aber weder geerntet, noch verkauft. Es ist verboten, die Vorräte aufzustocken.

Ähnlich wie die sieben Omer-Wochen aus der Parascha Emor (in der letzten Woche), ist der Schmitta-Zyklus von der Zahl sieben geprägt. Nach dem siebten Schmittajahr schließt das fünfzigste Jahr einen Zyklus ab  - das Jubeljahr (Joweljahr oder Jubeljahr genannt) ist eine Art Super-Schmitta. In diesem Fall wird zwei Jahre hintereinander weder geerntet noch auf dem Land gearbeitet. Im Jubeljahr werden alle Sklaven freigelassen und alle Landgüter den ursprünglichen Eigentümern rückübereignet, d.h. zu dem Stand nach der Verteilung des Landes unter den zwölf Stämmen Israels. Der Preis des Landes hängt damit zusammen: Er ist mit der Zahl der Ernten bis zum nächsten Jubeljahr verbunden. Im ersten Jahr nach dem Jubeljahr ist Land entsprechend sehr teuer und im letzten sehr billig. In der Behar werden die Regeln des Land- und Hausverkaufes formuliert. Damit ist klar, dass der Boden eher „gepachtet“ (in unserem modernen Verständnis) wurde und von den Stämmen nicht wirklich verkauft werden konnte. Im Schmittajahr, also alle sieben Jahre, werden sämtliche Schulden annulliert. Zinsen werden in dieser Parascha verboten (Wajikra 25:36).

Behar spricht über das Verbot des Betruges und des Wuchers.

Öko-Connection: Schmitta

Die Schmitta war vor tausend Jahren eine Pausen-Zeit für die Natur im gelobten Land. Die Schmitta, der Schabbat der Erde, ist an dieser Stelle zum zweiten Mal genannt, hier wird aber die ganze Parascha der Schmitta und dem Jowel gewidmet. Das Jahr 5775 war das letzte  Schmitta-Jahr. In Israel und in der Diaspora gab es viele Versuche, dieses altes Projekt wiederzubeleben und neu, nach den Bedürfnissen unserer Zeit, zu interpretieren.

In der Parascha Behar bekommen wir ein Bild der Gesellschaft, die nach dem Rhythmus von sieben Tages-, Monats- und Jahreszyklen funktionierte. So durfte man sechs Tage arbeiten oder es war erlaubt, sechs Jahre zu ernten und sich zu verschulden. Der siebte Tag und das siebte Jahr (shewi’it „der siebte“) waren anders. Im Schmittajahr wurde nicht geerntet und nicht gesät. Jede Form der Arbeit an den Feldern wurde verboten. Die gesamte Ernte aus dem siebten Jahr war hefker: sie gehörte niemandem, sie war für jeden frei zu nehmen und zu genießen. Die Schmitta war ein freies Jahr für die Bauern.. dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sich das Schmittajahr auf das Land bezog: Es ist eher ein Geschenk an die Erde als nur an die Menschen. Die Gesellschaft wurde hingegen ein Stück weiter in einem Zustand der Egalität, der Gleichheit, gebracht. Keine landwirtschaftlichen Schmitta-Produkte durften verschwendet werden, siemussten gemeinschaftlich und gerecht verteilt werden. Man durfte keine Geschäfte mit der Nahrung machen. Die Gleichheit zwischen den Menschen war immer durch eine gerechte Verteilung der Ressourcen garantiert, deswegen betraf eine weitere Schmitta-Pflicht die Finanzen: Alle Schulden von Juden gegenüber anderen Juden wurden im siebten Jahr aufgehoben.

Durch das Schmittajahr wurde das Gleichgewicht zwischen der Natur und dem Menschen immer wieder hergestellt und das Land wurde entlastet. Man erfüllte die Verpflichtung, dem Land ein Schabbatjahr zu schenken und daran zu erinnern, dass nicht der Mensch, sondern Gott der Eigentümer des Landes ist. Es war nicht einfach, wovon einige Quellen erzählen, man musste vor der Schmitta genügend Vorräte haben. Es war eine harte Zeit für alle, noch härter war, alle 50 Jahre Schmitta und Jowel zwei Jahre lang durchzuhalten. Alles war damals anders organisiert, z.B. der Preis des Landes wurde nach der Zahl der Ernten bis zum nächsten Jubeljahr gerechnet, man kaufte im Grunde die Ernten und kein Land. Der Glaube, dass das Land und die Natur einen Bezug zu G-tt haben und nicht nur zu uns, scheint in dieser Zeit das Fundament der gesellschaftlichen Organisation gewesen zu sein.

Rabbiner Noah Yehuda Sendor verknüpft, in der Tradition von Meschech Hochma, eines Tora-Kommentars von Rav Simcha Meir Cohen aus Dwinsk (1843–1926), die Schmitta mit einer anderen berühmten Geschichte aus der Tora (Bamidbar 20:1): Als die Israeliten noch in der Wüste waren, starb die Prophetin Miriam, Moses‘ Schwester. Gleichzeitig trocknete eine Wasserquelle, die den Israeliten bisher gedient hatte, aus. Moses wurde von G-tt beauftragt, ein Wunder zu vollziehen. Er sollte vor dem ganzen Volk zu einem Fels sprechen und daraufhin sollte Wasser aus dem Fels fließen. Es sollte (laut eines Midrasch) ein sanfter Akt sein, der dem Volk Israel die Kraft der Sprache G-ttes demonstrieren sollte. G-tt wollte dadurch zeigen, dass das gelobte Land nicht mit Gewalt erobert und ausgenutzt werden darf, denn es ist ein gesegnetes Land, in dem die Leute die Schöpfung G-ttes respektieren sollen. Moses, wahrscheinlich durch den Tod seiner Schwester erschüttert, schlug den Fels, anstatt zu sprechen. Diese Tat zog ernste Konsequenzen nach sich: Moses und Aaron sind vor der Ankunft ins gelobte Land gestorben, „Weil ihr [Moses und Aaron] an mich nicht geglaubt habt, deswegen sollt ihr diese Versammlung [der Hebräer] nicht ins Land, das ich ihnen gebe, bringen.“ (Behar 20:12).

Moses hat es nicht geschafft, die Heiligkeit der Verbindung mit der Erde darzulegen. Weiter beruft sich Rabbiner Sendor auf Raschi (1040-1105) und seine Frage, warum denn in dieser Parascha durch die Worte Behar Sinai („Auf dem Berg [Sinai]“) die Schmitta mit dem Berg Sinai verbunden ist? (Vaikra 25:1) Doch alle Mizwot und die ganze Tora wurden auf dem Berg Sinai überliefert. Laut Rabbiner Sendor hatte diese Evokation den Zweck, in uns den Geist der Schmitta und Tora-Übergabe hervorzurufen. Denn wenn wir im Geist der Schmitta leben, nähern wir uns spirituell dem Moment der Tora-Offenbarung, und damit helfen wir der Schöpfung, die perfekte Form anzunehmen.

Heute wissen wir, dass für das Land die beste Form der Landwirtschaft eine Bio-Landwirtschaft ist. Auf diese Weise sind wir im Stande die Böden und das Land zu pflegen, statt es auszubeuten. Auch wenn die Erde meist nicht ein Jahr ruht, so werden doch die angebauten Pflanzen alle paar Jahre gewechselt, damit die spezifischen Nährstoffe, die diese Pflanzensorte dem Boden entzogen hat, sich wieder regenerieren können. Für die moderne ökologische Landwirtschaft ist die Regeneration der Böden genauso wichtig wie für die traditionelle jüdische Landwirtschaft. Die Schmitta war ein Mittel dafür, das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seiner Lebensgrundlage zu hüten. Heute hingegen nutzen wir die Böden pausenlos. Sie müssen immer fruchtbar sein. Dieses Verhältnis hat weder mit G-tt noch mit der Religion zu tun. Boden ist ein Produktionsmittel sowie ein Eigentum geworden.

Ein pausenlos ausgelaugter Boden muss ständig ernährt werden. Eine Methode dafür ist das chemische Düngen. Dieses führt jedoch nach einer Weile zum Verlust der wichtigen Mineralien. In unserem System muss die Erde ständig produzieren und wir lassen sie nicht „aufatmen“. Die Monokulturen, die industrielle Landnutzung und die kurzfristige Planung fügen weitere Zerstörung in Form von Erosion und Vergiftung hinzu. Gleichzeitig sind wir nicht mehr mit dem Boden verbunden. Das letzte wird sich noch verstärken, wenn bald 70 Prozent der Menschen in den Städten leben werden.

Aber selbst als Stadtbewohner haben wir jeden Tag eine Wahl. Es gibt vieles, was man indirekt machen kann, um die Böden zu schützen. Die optimale Methode, die Böden zu konservieren und zu entwickeln, darauf einigen sich heute fast alle Bodenspezialisten, ist die nachhaltige Land-Nutzung und die Vermeidung der Versiegelung der Böden (diese passiert durch das Bebauen der Flächen). Die Schmitta gilt nur im Land Israel, hierzulande müssen wir sie nicht berücksichtigen. Für das Einhalten der Schmitta wird in der Tora Reichtum und Segen versprochen, daher lohnt es sich vielleicht gute Praktiken im Umgang mit dem Land zu unterstützen.

Kurze Erklärung

Nachhaltiges Bodenwirtschaften bedeutet in der Praxis:

  • Kompostieren.
  • Die Nutzung der Chemikalien verringern.
  • Natürliche Prozesse im Boden unterstützen, um die Erosion zu verringern. Zu viel Dünger beschleunigt zum Beispiel die Erosion, vergiftet das Wasser und senkt die biologische Vielfalt im Boden.
  •  Die Würme müssen zurück, denn im gesunden Boden leben viele hunderte verschiedene Arten.

Global und politisch ist es wichtig:

  • Land Grabbing , d.h. die illegale Aneignung von Land, ausgeübt von den Reichen in armen Ländern, zu verringern (das Land gehört denen, sei es von G-tt bekommen haben. Wir sollten vielleicht auch außerhalb Israels berücksichtigen.),
  • Bodenversiegelung zu minimieren,
  • Hilfe und Bildung der Bauern aus den armen Regionen zu sichern, so dass sie lernen, das Land nachhaltig zu nutzen.

Sehr wahrscheinlich arbeitest Du eher nicht direkt auf dem Land. Daher sind die Aktionen, die Du unternehmen kannst, indirekt. Du kannst selber:

  • weniger Fleisch essen: 70 Prozent der Ernte wird zum Viehfutter, es kommt aus Monokulturen und wird stark mit Chemikalien bearbeitet,
  • lokal auf dem Wochenmarkt einkaufen gehen oder eine regionale Kiste bestellen, um die Öko-Bauernhöfe zu unterstützen und deine C02 –Bilanz zu senken.

Der gesunde Boden bedeutet eine gesunde Umwelt. Woran kann man das erkennen?

  • An biologischer Vielfalt: die gesunden Regionen sind auch biologisch reich und vielfältig, und zwar an Würmern, Vögeln und Säugetieren.
  • In gesunden Regionen ist Wasser nichtvergiftet, selbst wenn Landwirtschaft betrieben wird.
  • Gesund ist nicht steril. In gesunden Boden wurzeln immer Pflanzen.
  • Gesunder Boden produziert reichhaltige Ernte, selbst wenn es nicht genügend regnet.

Daten und Fakten:

  • 95 Prozent unseres Essens ist direkt oder indirekt im Zusammenhang. Ein Mangel einer der 16 (Kennst du dieses Alphabet: B, Ca, C, Cl, Cu, H, Fe, Mg, Mn, Mo, N, O, P, K, S, Zn?*) wichtigsten Mineralien kann das Wachstum und den Wert der Pflanzen beeinträchtigen.
  • Bis 2050 muss die Lebensmittel-Produktion um 60 Prozent global wachsen. Um den Bedarf an Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern zu decken, muss sie dort verdoppelt werden.
  • 2050 wird es 9 Milliarden Menschen weltweit geben (jetzt sind es 7 Milliarden).
  • Es dauert bis zu 1000 Jahre, einen Zentimeter Boden zu schaffen, deswegen zählen die Böden zu den nicht-erneuerbaren Ressourcen.
  • Das nachhaltige Wirtschaften mit den Böden kann die Fruchtbarkeit der Erde um 58 Prozent steigern.

Quellen:

Dieser Artikel wurde von Noam Yehuda Sendors Kommentar zur Parascha Behar: „The Mitzvah of Shmita“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.
Daten: FAO
 

*Mineralien: Bor, Calcium, Kohlenstoff, Chlor, Kupfer, Wasserstoff, Eisen , Magnesium, Mangan, Molybdän, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor, Kalium, Schwefel, Zink