Pinchas

Pinchas

Pinchas Bemidbar 25:10–30:1

Parascha auf einem Bein

Pinchas (Aarons Enkelsohn) hat in der Parascha Balak, die vorige Woche gelesen wurde, den Hebräer Simri und dessen midjanitische Geliebte (Prinzessin Kosbi) getötet. Jetzt wird er dafür belohnt. G-tt gewährt ihm das Priestertum und einen ewigen Friedensvertrag. Darauf folgt eine Volkszählung. Wie vor 40 Jahren werden die Männer zwischen dem 20. und dem 60. Lebensjahr gezählt.

Es kommt von G-tt eine Anweisung über die Teilung des gelobten Landes. Die fünf Töchter Zelofchads kommen zu Moses und bitten ihn um das Land, das ihrem Vater zusteht. Ihr Anspruch wird akzeptiert, und die Erbgesetze werden formuliert.

Moses ernennt Joshua zu seinem Nachfolger. Er soll das Volk Israel ins Land Kanaan führen.

Die Parascha „Pinchas“ schließt mit einer Liste der Opfer ab, die täglich darzubringen sind. Die zusätzlichen Opfer am Schabbat, Rosch Chodesch (der erste Tag des Monats) sowie an den folgenden Feiertagen (Pessach, Schawuot, Rosch Haschana, Jom Kippur und Schemini Azeret) werden genannt.

Öko-Interpretation

„Und der Herr redete zu Mose und sprach: Diesen soll das Land zum Erbe ausgeteilt werden nach der Anzahl der Namen.“ (Bemidbar 26:52). 

In der Parascha „Pinchas“ wurde das Land Israel unter den Stämmen aufgeteilt. Diese Aufteilung galt für die Ewigkeit. Kanaan war das Land, durch das die Israeliten mit dem Schöpfer verbunden waren. Es sollte nachhaltig bewirtschaftet werden, damit das natürliche Gleichgewicht zwischen den Menschen, G-tt und der Natur bestand. Das Land kehrte alle 50 Jahre (Joweljahr) zu den ursprünglichen Besitzern (den Stämmen Israels) zurück. Es hatte daher keinen Marktwert im heutigen Sinn, sondern einen Preis, der von der bis zum nächsten Joweljahr (Jubeljahr) verbleibenden Zahl der Ernten abhängig war. Dieses Land zu nutzen, zu hüten und zu pflegen, war die Hauptaufgabe Israels.

Ein Leben im Gleichgewicht sollte aber nicht nur eine Bibel-Kuriosität bleiben, die sich auf die Einwohner Kanaans beschränkte. Michael Rosen (Canfei Nesharim) schreibt, dass wir uns um diesen Bereich unseres Lebens besonders kümmern sollen. Unsere Lebensweise und unsere Umgebung wirken sich auf unsere Gesundheit und Seele aus. Sowohl die Städte als auch unsere Häuser, alle Orte, an denen wir unseren Alltag verbringen, können uns gut tun. Sie können unsere sozialen Beziehungen und unsere Verbindung zur Natur unterstützen oder aber die Gefühle der Isolation und Einsamkeit verstärken.

Wir alle brauchen frische Luft, Sonne, gutes Essen, ausreichend Schlaf und Grünflächen. Eine Stadt, die das nicht bietet, kann sehr anstrengend sein. Darüber haben unsere Weisen schon in der Römerzeit und im Mittelalter geschrieben. Folgende Zeilen sind heute immer noch aktuell, selbst wenn unsere Städte selbstverständlich viel komfortabler sind als jene des Mittelalters. Raschi (1040 – 1105) schrieb im 11. Jh.: „Das Leben in der Stadt ist schwierig, weil dort so viele leben. Sie drängen sich in ihren Häusern, es gibt keine Luft und keinen Platz. Auf dem Land hingegen gibt es Gemüse- und Obstgärten in der Nähe der Häuser. Die Luft ist sauber“.

Ramban (Nachmanides, 1194–1270) schrieb hundert Jahre später:
„Im Vergleich mit der Luft in der Wüste und im Wald ist die Luft in der Stadt wie ein undurchsichtiges, aufgewühltes Wasser im Vergleich zum sauberen und klaren Wasser. In den Städten machen die hohen Gebäude, engen Straßen, die Verschmutzung und der ganze Müll die Luft stinkend, dicht und aufgewühlt (…)

Wenn du nicht wegziehen kannst, versuche zumindest einen Ort in den nordöstlichen Vororten zu finden. Baue dein Haus groß und deinen Hof groß genug, um den nördlichen Wind wehen zu lassen und Sonne zu bekommen. Die Sonne verdünnt die Verschmutzung der Luft und macht sie leicht und sauber.“

Alle Probleme, über die Raschi und Ramban sprechen, entstehen durch Mangel an Gleichgewicht zwischen dem Urbanen und dem Grünen. Auch die Weisen des Talmuds haben bemerkt, wie wichtig es ist, in der richtigen Umgebung zu leben. Es gibt sogar eine halachische Entscheidung darüber, dass ein Mann seine Frau nicht dazu zwingen darf, in die Stadt umzuziehen. Rabbi Yossi bar Hanina sagte, dass das Leben in der Stadt viel schwieriger sei, deswegen dürfe man es von niemandem verlangen. (Mischna Ketubot 13:10, Talmud Ketubot 110b).

Was wir heute in den Städten suchen, sind vor allem die Möglichkeiten, die sie bieten: viele Menschen kennenzulernen, große Netzwerke, tolle Jobs und gute Unis. Die größten jüdischen Gemeinden befinden sich in den attraktivsten Städten. Aber ob wir dort tatsächlich die erhoffte Qualität des Lebens, die Verbindungen mit Mitmenschen erreichen, ist eine andere Frage. Sind die Großstädte wirklich so gut für uns? Wir wollen hier das großstädtische Leben nicht verteufeln, sondern zum Ausdruck bringen, dass man sich in einer Großstadt zusätzlich Mühe geben muss, um die Verbindung zur Natur, Landwirtschaft und Gemeinschaft wiederherzustellen.

In der Mischna ist die Landwirtschaft interessanterweise mit dem Wort Emuna (אֱמוּנָה) verbunden. Emuna bedeutet nicht nur Glaube, sondern auch das Vertrauen, die Treue und die Beständigkeit. An sich ist Emuna zentral für die jüdische Spiritualität und eine Basis für die Beziehung zu G-tt. Was hat dieser Begriff im Mischna-Traktat über Samen und Pflanzen zu suchen? Es wird erklärt, dass man die Verbindung zu G-tt vertieft, wenn man sich auf die Landwirtschaft und das Land verlässt. (Babylonisches Talmud, Schabbat 31a). Die Kommentatoren glaubten, dass diese Konstellation deswegen vorkommt, weil ein Bauer, der die Pflanzen anbaut, jedes Mal dem Schöpfer vertrauen und glauben muss, dass Er alles, was für das Wachstum notwendig ist, sichert. Wenn wir also G-tt tatsächlich als Schöpfungsquelle wahrnehmen, müssen wir auch unsere Verbindung zur Schöpfung verstärken.

Dieses Fragment gibt uns Einblick in die Welt der jüdischen Bauern im Land Kanaan. Das gilt aber auch für alle Kleinbauern, die sich seit Generationen mit der Landwirtschaft beschäftigen. Eine fast spirituelle Beziehung zum Land und zur Umwelt. Die Frage ist, ob die Landwirtschaft heute überhaupt noch mit Emuna betrieben wird. Oder ist sie nur ein Unternehmen, in dem die Maschinen ihre Arbeit erledigen, um das Einkommen zu sichern. Es ist nichts gegen gute Wirtschaftsmodelle für Bauern einzuwenden, aber wenn die Landwirtschaft genauso wie die Autoherstellung betrieben wird, leiden wir darunter. Ein Landwirt, der unabhängig vom Wetter und anderen Faktoren arbeiten möchte, muss sich auf Pestizide, Herbizide, intensives Düngen und Monokulturen verlassen. Im Extremfall ist in diesem Modell kaum Platz für das Denken an die Verbindung zur Umwelt und somit auch kein Platz für Emuna.

Das Modell in der Tora ist mit dem Respekt für das Land und die Ressourcen verbunden. In diesem Geiste und im Geiste von Emuna sollten die Menschen im Land Kanaan leben. Ob in der Stadt oder auf dem Land haben sie die Pflicht, das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Natur zu erhalten. Sie sollten den Schabbat der Erde (die Schmitta) und das Jubeljahr begehen, das Jahr, in dem die Felder brach liegen, damit sich die Erde erholen kann.

Wenn wir uns heute die Zeit nehmen, gesund zu essen, zu Hause zu kochen und nach Möglichkeit regional und bio einzukaufen, werden wir auch gesünder. So schließt sich der Kreis. Wir kümmern uns um unsere Gesundheit, und die Umwelt profitiert davon.

Aktion:

  • Was kannst Du in der Großstadt machen, um die Verbindung, die Emuna zu pflegen?
  • Entdecke die Wildnis in der Stadt. Pflege diese Orte.
  • Entdecke die Gärten in der Stadt.
  • Finde einen Garten oder einen Park, in dem Du Dich wohlfühlst.
  • Iss gut und koscher.
  • Versuche jetzt, im Sommer, saisonal zu essen. Hier findest Du eine Liste der saisonalen Gemüse- und Obstsorten.
  • Setze Dich mit Deiner Gemeinde in Verbindung und pflege deine Freundschaften!
  • Triff Dich oft mit Freunden.
  • Zelebriere den Schabbat.

Quellen

Dieser Artikel wurde von Michael Rosens Kommentar zur Parascha Pinchas: “Sustenance from the Source” inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.