Re'eh

Re'eh 1

Parascha Re‘eh (Dwarim 11:26–16:17)

Parascha auf einem Bein

Moses spricht über den Segen für die Erfüllung der Gebote und den Fluch für die Vernachlässigung der Mitzwot. Für G-tt soll ein Tempel gebaut werden, nur dort darf man Opfer darbringen.

Es wird gesagt, dass ein falscher Prophet getötet werden solle. Die Merkmale der koscheren und nicht koscheren Säugetiere und Fische werden wiederholt. Das Zehntel aller Erträge soll  in Jerusalem gegessen werden. Es gibt die Möglichkeit (falls der Weg nach Jerusalem zu lang wäre), es gegen Geld einzutauschen, das heißt man kann das Essen in Jerusalem kaufen und dort essen). Erstgeborene koschere Tiere sollen im Tempel geopfert und von den Kohanim verspeist werden.

Die Gesetze der Zedaka (Wohltätigkeit und Spenden) werden formuliert: Jeder ist verpflichtet, einem Bedürftigen ein Geschenk zu geben oder Geld zu leihen. Im Schmitta-Jahr werden die Schuldner von ihren Schulden befreit. Auch die Diener und Sklaven werden nach sechs Jahren freigelassen. Es wird über die drei Wallfahrtsfeste (schalosch regalim) Pessach, Schawuot und Sukkot gesprochen.

Öko-Connection

Diese Parascha spricht indirekt über Jerusalem, das zwar nicht namentlich erwähnt, aber als der Ort, „…den er erwählen wird, um seinen Namen daselbst residieren zu lassen“  (Dwarim 14:23) beschrieben wird. Rabbi Akiva Wolf spricht in seinem Kommentar zur Parascha Re’eh darüber, dass es wichtig ist, die Heilige Stadt nicht nur als ein spirituelles Symbol zu sehen, sie soll auch ästhetisch schön werden. Er denkt dabei an eine Beschreibung von Fluch und Segen, die wir in Re’eh lesen:

„Siehe! Ich lege euch heute vor Segen und Fluch: den Segen, wenn ihr den Geboten des Ewigen, eures Gottes, gehorcht, die ich euch jetzt gebiete, den Fluch aber, wenn ihr den Geboten des Ewigen, eures Gottes, nicht gehorcht und von dem Weg abweicht, den ich euch jetzt vorschreibe, dass ihr nämlich anderen Göttern nachfolgt, von welchen ihr gar nicht wisst. Wenn der Ewige, dein Gott, dich in das Land bringt, dahin du gehst, um es einzunehmen, so sollst du den Segen auf dem Berg Gerisim erteilen und den Fluch auf dem Berg Ewal.“ (Dwarim 11:26-29).

Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808-1888) hat bei der Beschreibung der Berge Gerisim und Ewal bemerkt, dass sie auch in der Realität sehr unterschiedlich aussehen. Gerisim im Süden des Schechem-Tals (heute Westjordanland) ist grün und fruchtbar, Ewal im Norden ist dagegen steil, nackt und unfreundlich (Rabbiner Samson Hirsch, Kommentar zu Dwarim 11:29). Rabbiner Hirsch macht uns darauf aufmerksam, dass sowohl der Segen als auch der Fluch eine sichtbare  Gestalt annehmen können. Der Segen ist in der Tora die Fruchtbarkeit und der Fluch eine öde Landschaft.

In diesem Fragment lesen wir, dass unsere Aktionen und Taten einen Fluch oder einen Segen über uns bringen können. Wir können unsere Umgebung schöner oder eben  hässlicher machen. Das betrifft auch Jerusalem, die heiligste Stadt der Juden. Dabei soll sie so aussehen, dass die Geschichte und die Präsenz G-ttes gewürdigt werden.  Darüber finden wir ein paar Sätze im Talmud:

“Wegen des Rauches, mache keine Müllkippe in Jerusalem, sowie keine Kalköfen. Es soll dort auch wegen des üblen Geruchs keine Gärten und Obstgärten geben.“ (Raschi erklärt, dass das Letzte mit dem Geruch des Dunges zusammenhängt) (Babylonischer Talmud, Traktat Baba Kama 82b.)

Heute ist Jerusalem eine Großstadt, und wie alle Großstädte hat sie viele Probleme: zu wenig Wohnraum, zu viele Autos, teure Mieten, Luftverschmutzung,  Wassermangel, politische Spannungen und 3,5 Millionen Touristen jährlich. Diese historische Stadt wohnenswert zu machen und die Stadtentwicklung so zu steuern, dass sie im Einklang mit der Natur verläuft, damit die Stadt eher an den Berg Gerisim (Segen) als an den Berg Ewal (Fluch) erinnert, ist eine wahre Herausforderung

In den letzten Jahren wurde in Jerusalem einiges für den Umweltschutz getan. Naomi Tsur, die fünf Jahre lang (2008-2013) stellvertretende Bürgermeisterin  von Jerusalem war, hat viele umweltorientierte Reformen und Innovationen in der Stadt durchgesetzt: Die Integration der Natur in die Stadtplanung, die Erweiterung der Fahrradwege, die Gründung des Gazelle Valley Urban Nature Parks und des Railway Parks (Bahn-Park) sind ihrem Engagement zu verdanken. Es entwickeln sich urbane Gärten (Naomi Tsur ist eine der Vorreiterinnen des „urban gardening“) und Essensmärkte. Insgesamt 10 000 Bäume wurden während der TuBischwat-Feiern in ihrer Amtszeit gepflanzt. Das hätte man der ehemaligen Linguistin aus Bristol, die Englisch wie eine BBC-Journalistin spricht und eher konservativ aussieht, auf den ersten Blick nicht zugetraut.

Zu den bedeutendsten Erfolgen in Jerusalem gehört die Lösung des Problems der Wasserversorgung. Wegen des trockenen Klimas und der Dürren ist das eine vorrangige Aufgabe. Die Suche nach Wasserquellen, Wassersparen und Wasser-Recycling hat dort eine andere Dimension als in Europa. Jerusalem ist so erfolgreich bei der Bekämpfung der Wasserknappheit, dass kalifornische Experten dort die Methoden lernen. Im Gegensatz zu Deutschland ist Wassersparen ein äußerst wichtiges Thema für Jerusalem.

Dank dieser Maßnahmen wird die Stadt grüner. Dennoch ist die Liste der Probleme lang. Wie in den meisten anderen Großstädten müssen vor allem Lärm, Luftverschmutzung und zu hohe Kohlendioxid- Emissionen (ein Alptraum aller Industrieländer) bekämpft werden.

Daten und Fakten:

Urbanisation: Israel ist dichter bewohnt als Indien. Das trifft auf Jerusalem besonders zu. Die neuen Viertel mussten oft auf die Schnelle gebaut werden. Das bedeutet, dass sie nicht immer optimal durchdacht sind. Es fehlt an Grünflächen in diesem trockenen Land. Deswegen sind Parks und Naturschutzgebiete extrem wichtig. Das Land kostet sehr viel, und die Nähe zur Großstadt lockt die Investoren an, sodass die Natur ohne die von der Stadt eingerichteten Naturschutzgebiete keine Chance hätte.

Müll: 2013 haben ca. 3,5 Millionen Touristen Jerusalem besucht und dabei ganz schön viel Müll hinterlassen. Die Bewohner sind auch von diesem Problem betroffen. Generell ist Müll-Management in Israel ein Problem, dem mit einem guten Recyclingsystem beizukommen versucht wird. Leider werden immer noch zu viele Einwegverpackungen verwendet. Ein Erfolg ist das Flaschenrecycling. Auf diesem Gebiet  hat Israel Europa und die USA übertroffen. Mülldeponien, die in Deutschland so nicht mehr existieren, sind die Endstation für mehr als 50% des Mülls in Israel. Erst seit 2013 gibt es ein Recycling-System. Man kann also auch in Jerusalem recyceln.

Luftverschmutzung und Verkehr: Seit 2011 gibt es ein Programm zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. Es ist nicht einfach, denn die Israelis lieben ihre Autos. Auch der Weg zur Arbeit ist durch den Verkehr ziemlich lang. Der Autoverkehr belastet die Luft am meisten.

Aktion

Wenn Du gerade eine Reise nach Israel planst, kannst Du Dich darauf vorbereiten und dazu beitragen, dass Jerusalem wie ein Segen und nicht wie ein Fluch aussieht:

  • Versuche, deine Ziele in Jerusalem zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen.
  • Spare Wasser.
  • Erkunde die grüne Umgebung von Jerusalem zu Fuß.
  • Versuche, möglichst viel zu recyceln.
  • Für Experten unter euch: Versuche, bei einem Ausflug in die Heilige Stadt keinen Müll zu produzieren.
  • Kaufe auch in Jerusalem Bio-Lebensmittel.

Quellen:

Dieser Artikel wurde von Rabbiner Akiva Wolffs Kommentar zur Parascha Re‘eh: „Blessing and Curse“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.

Links

Bilder

Creative Commos Lizenz, Flickr
Ron Almog Jerusalem (oben rechts)
Denys Zadorozhnyi Jerusalem Marketplace (unten rechts)
bachmont Kotel (unten links)