Ki Tawo

Ki Tawo

Ki Tawo (Dwarim 26:1–29:8)

Parascha in Kürze

  • Als Dank für das neue Land, „in dem Mich und Honig fließen“ (Dwarim 26:15), sollen die Israeliten die ersten im Land Israel geernteten Früchte den Priestern bringen. Das Land und seine Früchte sollen genossen werden.
  • Der zehnte Teil der Ernte soll als Spende an Leviten, Fremde, Waisen und Witwen gegeben werden. Es wird geregelt, wer und wann das Zehntel bekommt.
  • Jeder soll mit Herz und Seele die Gesetze G-ttes einhalten. Die Israeliten sind ein heiliges Volk.
  • Nach der Überquerung des Jordans sollen die Israeliten große Steine am Berg Ebal aufstellen. Auf die Steine sollen die Wörter der Tora geschrieben werden. Die Israeliten sollen einen Altar aus Stein bauen und dafür keine Eisenwerkzeuge verwenden.
  • Sofort nach der Überquerung des Jordans sollen sechs Stämme Israels auf den Berg Ewal (Symbol des Fluches) und sechs auf den Berg Gerissim (Symbol des Segens) gehen. Die Leviten sprechen die Flüche und Segen.
  • Die Liste und Beschreibung der Flüche ist lang und detailliert: Wenn die Israeliten das Recht einhalten, werden sie gesegnet, sie werden alle Feinde besiegen und viel Regen zur richtigen Zeit haben. Wenn sie sich aber nicht daran halten, werden sie und ihre Herden von Krankheiten befallen, auch ihre Ernte wird zerstört.
  • Moses sagt den Israeliten noch einmal, dass sie 40 Jahre Wanderung deswegen überstanden hatten, weil sie diesen Moment erleben sollten. Deshalb sollen sie G-ttes Wort gehorchen.

Interessante Bräuche und Motive aus der Parascha:

  • Aus dieser Parascha wissen wir genau, wie man Schawuot, den Tag der ersten Früchte, begangen hat. Als Zeit wurde der Moment genannt, wenn sich die Gerste biegt.
  • Bikurim, die ersten Früchte, werden in diesem Zusammenhang erwähnt. Weiter erklärt der  Mischna-Traktat „Bikurim“ detailliert, wie sie darzubringen sind.

Öko-Thema: Bikurim

In dieser Parascha spricht Moses über die Zeit nach der Eroberung des Gelobten Landes: Nachdem die Israeliten angekommen sind, sollen sie die ersten Früchte in den Tempel bringen, um ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Die ersten Früchte sollen danach jedes Jahr gebracht werden.

 „Dann sollst du von den ersten Landfrüchten allerlei Art, die du von dem Land einbringst, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, nehmen, in einen Korb legen, damit an den Ort hingehen. (Dwarim 26:2)

Der Mischna-Traktat „Bikurim“  beschreibt, wie die Zeremonie der ersten Früchte aussah und was ihre Bedeutung war: Die Bauern sollten nicht nur die ersten Früchte als Erntedank in den Tempel bringen, sondern dieses Fest war viel mehr, nämlich eine Gelegenheit dafür, an die Verbindung zwischen G-tt und dem auserwählten Volk sowie an die Geschichte der Wanderung durch die Wüste zu erinnern (Dwarim 26:5). Israel war in dieser Geschichte ein „Happy End“. Spirituell haben die Israeliten während der 40 Jahre in der Wüste neben dem  Vertrauen in die eigene Kraft das Vertrauen in G-tt gewonnen. In dieser Parascha wird klar, dass Moses bald sterben wird und dass sie selbständiger werden müssen. Man hat keine direkte Offenbarung mehr, sondern nur die Gesetze der Tora. Diese Gesetze werden auf den Grenzsteinen am Berg Ebal aufgeschrieben.

Ein Bauer in Kanaan musste Vertrauen in G-ttes Segen haben: Das dortige Klima entspricht einer Halbwuste. Daher war die ganze Ernte gefährdet, wenn der Regen nicht rechtzeitig kam. Die Früchte, die in den Tempel gebrachten wurden (Schiwat Haminim, die sieben Arten), gehörten zu denen, die besonders empfindlich sind: Weizen, Gerste, Datteln, Oliven, Granatäpfel, Weintrauben und Feigen.

Heute erleben die meisten Stadtbewohner keine direkte Abhängigkeit vom Wetter und Klima. In der Landwirtschaft hingegen ist dieser Bezug zur Natur und dem Wetter ständig präsent. Ein Bauer weiß, dass nicht alles direkt vom Menschen und seiner Arbeit abhängt.

Abracham Jitzchak HaKohen Kook (der erste Oberrabbiner Israels 1865 – 1935) behauptete, dass gerade die Landwirtschaft die Juden zusammenbringen und vereinen wird. Er glaubte, dass die ideale jüdische Gesellschaft vor allem eine Bauerngesellschaft sei. Die Mischna beschreibt die Darbringung der Bikurim. Rabbiner Kook hat in seinem Kommentar dazu geschrieben, dass die ersten Früchte die Liebe der Juden zur Landwirtschaft symbolisieren: In der Bikurim-Zeremonie standen die Bauern über allen anderen Berufen und wurden von ihnen willkommen geheißen (Mischna Bikurim Traktat 3 Mischna 3). Rabbi Kook meinte, dass die Länder und Völker, die ihre Abhängigkeit von der Landwirtschaft nicht wahrnehmen und sich nur auf Geld und Wirtschaft fokussieren, weniger ethisch sind. Wenn die Bauern, die nah an der Natur sind, von den anderen Berufsgruppen und der Mehrheit verachtet werden, so führt das zur Ablösung und Isolation von der Natur.  Der Weg zu G-tt führt also über die Landwirtschaft. Das bedeutet nicht, dass alle Juden Landwirte werden sollen, sondern dass sie die Verbindung mit der Landwirtschaft und unsere Abhängigkeit von ihr wieder anerkennen sollen.

Heute haben wir generell wenig Kontakt mit der Landwirtschaft oder mit der Umwelt. Wir sind nicht mehr daran gewöhnt, diese Verbindung wahrzunehmen. In den Lebensmittelgeschäften sind, unabhängig von der Saison, immer alle Lebensmittel vorhanden. Wir haben den Bezug zur lokalen und damit saisonalen Landwirtschaft längst verloren. Nur für wenige in der Diaspora ist der Zusammenhang zwischen jüdischen Feiertagen und bestimmten Lebensmitteln nachvollziehbar. Je weniger Emotionen wir damit verbinden, umso einfacher können die Produzenten ethische Regeln brechen und Green-Washing betreiben (sich also umweltbewusst präsentieren, ohne dabei tatsächlich so zu handeln). Wenn noch eine große geographische Distanz hinzukommt, ist es noch komplizierter: Was geht uns an, was in irgendwelchen peruanischen Obstgärten passiert?

Wir haben keinen Tempel, um die Bikurim darzubringen, und nicht einmal alle waren in Israel. Trotzdem gibt es Vieles, was gemacht werden kann. Wir können uns dessen bewusster werden, was wir essen und wie wir die Lebensmittel behandeln. Wir können uns dazu weiterbilden, recherchieren und darüber lesen, woher das Essen kommt. Wir genießen ein reichhaltiges Angebot an Produkten. Was wir dafür als Dank geben können, ist das authentische Interesse für die Produktionsbedingungen. Wir können auch unser Gemüse, selbst wenn es nur symbolisch ist, alleine ziehen.

Die Ankunft im Gelobten Land wurde jährlich zelebriert. Raschi (1040-1105) dachte, dass die Feierlichkeiten die Verbindung zwischen G-tt und der Landwirtschaft immer wieder stärkten. Denn die Bindung an die Umwelt und das Land ist nicht etwas, was ein für alle Mal abgeschlossen ist. Es ist ein Prozess, ein Bund, der immer wieder erneuert werden muss, so wie der Bund zwischen G-tt und Israel, der in der Parascha Ki Teze auf den Bergen Ewal und Gerissim erneuert wurde.

“Heute mache ich kund dem Ewigen deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der Ewige unseren Vätern zugeschworen, uns zu geben.“ (Dwarim 26:3)

Aktion:

  • Pflanze Kräuter oder sähe Krasse, du kannst sie in zwei Wochen genschießen Anfang September hast du noch ein bisschen Zeit, etwas zu pflanzen und die Früchte zu genießen.
  • Eine Idee: Kann man neben Deiner Synagoge einen kleinen Garten pflanzen?
  • Über die regionale Kost kannst Du auf Englisch hier lesen.

Quellen

Dieser Artikel wurde von Leiba Chaya Davids  Kommentar zur Parascha KiTawo: „First Fruits“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.

 

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