Lech Lecha

Lech Lecha

Lech Lecha (Bereschit 12:1–17:27)

Die Parascha in Kürze

Lech Lecha ist die dritte Parascha im Buch Bereschit. Sie schildert viele Familiendramen.

Abram, der am Ende der letzten Parascha kurz vorgestellt wurde, bekam eine Botschaft von G-tt: Er solle sein Land verlassen und ein von G-tt versprochenes Land in Besitz nehmen. Abram war damals schon 75 Jahre alt. Er reiste mit seiner Frau Sarai und seinem Neffen Lot gemeinsam nach Kanaan. Dort ließen sie sich in der Nähe von Bethel nieder.

Nach einer Hungerkatastrophe in Kanaan ging Abram mit Sarai nach Ägypten. Er bat sie, immer zu erklären, dass die beiden Geschwister sind. Wegen Sarais Schönheit hatte er wohl Angst, getötet zu werden.

Als die beiden an ihrem Ziel ankamen, erreichte der Ruf von Sarais Schönheit sehr schnell den Hof des Pharao. Sarai wurde dorthin geführt und der Pharao heiratete sie. Abram, als der „Bruder“, hat dafür auch einiges bekommen: Sklaven, Schafe, Esel, Ochsen und Kamele. Dann begannen aber Krankheiten, den Pharao und seinen Hof zu plagen, und die Wahrheit über das tatsächliche Verhältnis zwischen Sarai und Abram kam ans Licht.

Der Pharao fragte, warum denn Abram nicht die Wahrheit sagte, und er ließ ihn mit Sarai nach Bethel zurückkehren. Abram durfte seine Geschenke behalten. 

Abram und Lot wurden sehr reich. Ihr Vieh vermehrte sich, und es wurde so zahlreich, dass das Land Kanaan den beiden nicht mehr ausreichte. Deswegen haben sie sich getrennt: Lot zog ins Flachland am Jordan, in die Nähe von Sodom. Diese Stadt hatte jedoch leider durch ihre Sünder einen schlechten Ruf. Abram zog in die Nähe von Mamre, in Hebron, im Land Kanaan. G-tt versprach ihm sehr zahlreiche Nachkommen.

Mesopotamien hat die kanaanitischen Könige von Sodom und Gomorrha angegriffen. Abraham kämpfte erfolgreich gegen die Kriegstreiber. Danach aber lehnte er eine Belohnung von Sodom ab. Wieder versprach G-tt Abram viele Nachkommen.

Abraham sollte ein Opfer von drei Färsen, Ziegen, drei Rammböcken, einer Taube und einem Vogel darbringen. Nach der Opferung der Tiere ist Abram tief eingeschlafen. Im Traum sagte G-tt zu ihm, dass seine Nachkommen zu Fremden in ihrem eigenen Land und zu Sklaven werden. Erst nach fünf Generationen werden sie nach Kanaan zurückkehren. Auch ein rauchender Ofen und eine Feuerflamme zeigten sich in Abrams Traum: Damit schloss G-tt einen Bund mit Abram.

Sarai konnte keine Kinder bekommen und dachte, dass Abram mit Hagar, seinem Hausmädchen, ein Kind bekommen könnte, dass Sarai großziehen würde. Als Hagar schwanger wurde, wollte Sarai sie doch nicht mehr bei sich haben. Deswegen ist Hagar in die Wüste weggerannt. Als sie kurz vor dem Verdursten war, kam ein Engel zu ihr und zeigte ihr einen Brunnen. Er führte sie zu ihrer Herrin zurück und sagte, dass ihre (Hagars) Nachkommen auch sehr zahlreich sein werden. Hagar hat einen Sohn namens Jischmael  bekommen. Abraham war 86 Jahre alt, als Jischmael  auf die Welt kam.

Wieder kam G-tt zu Abram. Als El -Schaddai versprach er ihm, seine Nachkommen zahlreich und mächtig zu machen. Während der Offenbarung fiel Abram auf sein Gesicht und G-tt änderte seinen Namen: Seit diesem Moment hieß er Abraham.

Abraham bekam ein Gebot: Er sollte sich selbst und jeden Mann (ob Sklave oder Freier) in seinem Haushalt beschneiden. Seit dieser Zeit muss jedes männliche Kind am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden. Dies nicht zu tun bedeutet, dass der Bund mit G-tt gebrochen wird.

Sarai sollte fortan Sara heißen. Von ihr würden viele Könige abstammen.

Trotz ihres Alters von neunzig Jahren versprach G-tt Sara einen Sohn. Er sollte Isaak heißen und von G-tt gesegnet sein. Abraham bat auch, Jischmael  zu segnen, worauf G-tt zustimmte.  Der enge  Bund sollte allerdings ausschließlich mit Isaak erhalten werden. Danach hat Abraham sich selbst, Jischmael  und alle Männer in seinem Haushalt beschnitten.

Die Parascha endet hier.

Die Öko-Parascha

In der Parascha Lech Lecha (Bereschit 21:11 – 17:27) lesen wir, dass Abraham und Lot, sein Neffe, getrennte Wege gingen. Das von den beiden bewohnte Land war zu klein, und ihre Herden waren zu groß geworden:

„Und so trug sie das Land nicht zusammen zu bleiben; denn ihr Vermögen war zu groß und sie konnten nicht zusammen wohnen.“ (Bereschit 13:6) 

Raschi (1040 – 1105) schrieb in seinem klassischen Kommentar zu diesem Vers, dass das Weideland zu klein geworden war und der Teil über die Weiden ausgelassen wurde.

Tuvia Aronson kommentiert diese Geschichte für Canfei Nesharim und erinnert uns an die Kommentare von Rabbiner Hirsch (1808 – 1888) und Neziw (Rav Naftali Zwi Jechuda Berlin, 1817 – 1893). Sie waren nämlich der Meinung, dass die Trennung weder an zu wenig Land noch an zu großen Herden lag: Hätten sich Lot und Abraham entschieden, die Herden zusammen zu halten, hätten sie ausreichend Weideland zur Verfügung gehabt. Weil sie aber getrennt arbeiten wollten, musste jeder seine eigene Zucht getrennt mit den eigenen Geräten für die Herde ausrüsten. Jeder musste eigene Boxen und eigene Ställ haben. Auch ihre Persönlichkeiten passten nicht zusammen. Dies bemerkte zusätzlich Rabbiner Hirsch im Kommentar zu seiner Bibelübersetzung: Abraham war spirituell- und Lot gewinnorientiert (Kommentar zu Bereschit 13:6).

Vieles in dieser Parascha und in der Haftara (Isaiah 40:27-41:16) handelt vom Thema „Zusammengehörigkeit“: Das Wort „beisammen“ wird in diesem Vers zweimal wiederholt. 

Abraham und Lot unterschieden sich schon, als sie nach Kanaan reisten, bemerkt Aronson. Dies verrät uns die hebräische Präposition „et“ aus der Beschreibung von Lots und Abrahams Umzug nach Kanaan: „… und mit ihm ging Lot“ (Bereschit 12:4), „Auch Lot, der mit (et) Abram zog“. Rabbiner Meir Leibusch (1809 – 1879) schrieb, dass dieses „mit“ (et) zwar auf eine gemeinsame Reise verweist, aber nur im organisatorischen Sinne, als ob sie einfach nur einen gemeinsamen Weg gewählt haben.  Wenn hier statt „et“ das Wort „im“ geschrieben worden wäre, würde es bedeuten, dass die beiden auch die Ziele der Reise geteilt hätten.

Die Zeiten von Abraham sind die Zeiten nach der Sintflut. Die Sintflut steht für Egoismus und für den moralischen Verfall, während bei Abraham der Prozess des „Tikkun“, der Wiederherstellung des Guten, begonnen hat. Lot ist hingegen auf das Wachstum der Herden orientiert, ihn stört seine neue Umgebung gar nicht. Sodom war eine sehr problematische Stadt, und Abraham wollte weder mit Sodom noch mit Gomorrha zu tun haben. Er wollte das Land ethisch nutzen, weil es eine spirituelle Bedeutung für ihn hatte. Er verdiente sich bei G-tt ein Recht auf Kanaan, und der Ewige hat ihm mehrmals eine hervorragende Zukunft versprochen.

Heute können wir aus dieser Geschichte lernen, dass wir die Kooperation und die gemeinschaftliche Verwendung der Ressourcen ernst nehmen müssen, um zu überleben. Diese Parallele zu unserer Gesellschaft kann man weiter verfolgen und anmerken, dass wir als Menschheit heute leider keine weitere Erde haben, auf die wir umziehen könnten. Vielleicht sind die Worte über Abraham eine Warnung davor, dass unsere egoistische und konsumorientierte Lebensweise zu einer Katastrophe führt. Es darf nicht sein, dass einzelne Nationen die Erde maximal ausbeuten, wir müssen diese eine Welt gemeinsam nachhaltig nutzen.

Du kannst jeden Tag beobachten, dass viele Menschen allein in ihrem Auto unterwegs sind. Jeder von uns hat in seinem Haushalt Gegenstände, die man sehr selten nutzt. Meistens kaufte man sie, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass viel zu viele wichtige Ressourcen für deren Herstellung verwendet wurden. Diese Gegenstände nehmen viel Platz weg, und schließlich entsorgt man sie ohne Bedauern, um neue zu kaufen.

Heute sieht man aber einen anderen Trend, der viel Hoffnung für die Zukunft macht. Die junge Generation will die Sachen teilen statt kaufen. Der Trend ist eindeutig, immer weniger junge Leute wollen ein Auto besitzen. Wir können teilen, dabei Geld und Ressourcen sparen und nicht wie Lot und Abraham alles separat und nur jeder für sich aufbauen.

Abraham war derjenige, der bereit war, umzudenken. Lot wollte hingegen mehr für sich behalten, statt mit seinem Onkel zusammen zu leben. Daher sollte Abraham und nicht Lot unser Vorbild sein.

Abrahams Verhältnis zum Land war vom Gefühl der Heiligkeit geprägt: Wenn die Menschen mehr teilen, werden sie vielleicht auch ihre Einstellung zur Erde ändern. Vielleicht sind das Teilen und Gemeinsam-Leben, die Pflege der Gemeinschaft ein Schlüssel dafür, was „Tikkun Olam“ (die Wiederherstellung der Welt) und „das gute Leben“ heißt.

Aktion

  1. Teilen ist das neue Besitzen. Überlege dir daher, was Du teilen kannst. Vielleicht hast du Werkzeuge, die Du manchmal den Nachbarn ausleihen kannst.
  2. Was kannst Du gemeinsam mit anderen nutzen? Manchmal kannst Du Bücher aus einer Bibliothek holen statt aus einer Online-Buchhandlung oder ein hübsches Kleid von einer Freundin leihen, statt eines zu kaufen.
  3. Lerne mehr über Abraham und lies die weiteren Paraschot über seine Hingabe zu G-tt und seine Gastfreundlichkeit.
  4. Mach diese Woche etwas, was Du als Tikkun Olam ansiehst.
  5. Nutze Carsharing statt eines eigenen Autos.
  6. Abonniere die Zeitung gemeinsam mit deinen Freunden oder Nachbarn. 

Quellen

Dieser Artikel wurde von Tuvia Aronsons Kommentar zur Parascha Lech Lecha „Joining Together for Justice in the Land” inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nasharim.