Wajigasch

Berschit12

Toraabschnitt der Woche

Wajigasch
Bereschit 44:18-47:27

Parascha in Kürze:

Hintergrund: In Ägypten und in der ganzen Region herrschte eine schlimme Hungersnot. Josefs Brüder kamen zum zweiten Mal nach Ägypten, um Nahrung zu kaufen. Der jüngste Sohn Ja’akows, Benjamin, wurde versklavt.

Die Brüder erzählten Josef, dass Benjamin Ja‘akows Lieblingssohn sei, und da er schon vor vielen Jahren seinen geliebten Sohn Josef verloren hat, überlebe er keinen weiteren Verlust. In diesem Moment offenbarte Josef endlich seine wahre Identität, er weinte vor den Brüdern, vergab ihnen ihre Missetaten und schickte nach seinem Vater. Ja‘akow sollte mit seiner ganzen Familie nach Ägypten kommen und sich im Land Goschen niederlassen.

Die Brüder bekamen von Josef einen prächtigen Wagen, viele schönen Kleider sowie Tiere, Getreide und die beste Nahrung. Als sie aber nach Hause kamen und die Geschichte Josefs erzählten, wollte niemand daran glauben. Erst als sie den Wagen zeigten, wurde das Gesicht ihres Vaters „wieder belebt“ (Bereschit 45:27).

Bald darauf reiste Ja’akow mit seiner Familie nach Ägypten. Unterwegs hatte er einen Traum, in dem G-tt selbst ihm versicherte, dass der Umzug nach Ägypten richtig sei. Er ging nach Goschen, wo er Josef traf. Bei der Begegnung brachen sie in Freudentränen aus. Die Familie Jisraels blieb auch deshalb in Goschen, weil die Viehzucht die Ägypter anekelte.

Der Hunger herrschte weitere fünf Jahre. Während dieser Zeit verkaufte Josef die Ernte an die Ägypter, die er noch während der fruchtbaren Zeiten angekauft hatte. Als das Geld der Ägypter ausgegeben war, tauschten sie erst ihre Tiere, dann ihren Schmuck, ihre Felder und schließlich sogar sich selbst gegen die Nahrung. So wurden alle, außer den Priestern, die Leibeigenen des Pharaos.

Die Familie Ja’akows erlebte in Goschen hingegen gute Zeiten, sie wurden auch sehr zahlreich.

Öko-Motiv:

Wie wir dies in der letzten Parascha (Mikez) angesprochen haben, symbolisiert Josef in der jüdischen Tradition: Vorsorge, Disziplin und Verantwortung für die Gemeinschaft. In der vorigen Parascha hat er z.B. die Ägypter zum Sparen aufgefordert. Um alle davon zu überzeugen, half ihm nicht nur sein prophetischer Instinkt, sondern auch seine Macht. Dass er dabei sehr reich wurde, weil er Getreide während der Hungersnot verkaufte, finden wir direkt im Text. Woran wir aber wahrscheinlich seltener denken, ist die Tatsache, dass seine Vorbereitung auch das Leben der Ägypter rettete.

Sparen ist ein Schlüssel zum nachhaltigen Leben. Selbst heute, wo wir viele Mittel haben und uns viel seltener als damals um die Grundnahrung kümmern müssen, sollen wir sparen. Heute sollen, neben der Energie, generell alle möglichen natürlichen Ressourcen gespart werden, denn wir verbrauchen zu viel. Aus dieser Parascha lernen wir, dass man selbst, wenn die Zeiten gut sind, an die Zukunft denken soll. Auch beim Kreditkonsum sollten wir an diese Parascha denken und lieber sparen, bis wir uns das gewünschte Objekt leisten können. Denn bei unvorhersehbaren Entwicklungen, wie z.B. Arbeitslosigkeit oder Krankheit kann das Konstrukt schnell platzen und zu Privatinsolvenz führen. Bei der Immobilienblase in den USA konnten wir sehen, wie das eine ganze Volkswirtschaft beeinträchtigen kann.

Um diese These zu stärken, interpretiert Dr. Goldblatt eine Verbindung zwischen dem Wort „Pharao“ und dem Wort „Paru’ah“. Seiner Meinung nach impliziert das letzte Wort jemanden, der undiszipliniert ist. Josef steht im Gegensatz zum Pharao, er kennt Selbstbeherrschung gut. Der Pharao scheint davon sehr beeindruckt zu sein und überlässt ihm immer mehr Macht. Eine Midrasch sagt, dass Josef nicht nur die wichtige Rolle des weisen Krisen-Mangers in den Notzeiten spielte, sondern die Ägypter dabei „erzog“: Als sie zu ihm kamen und um Essen baten, hat er ihnen empfohlen, sich zu beschneiden (Kommentar von Raschi zu Bereschit 41:55).

Die Ägypter waren sehr herausgefordert: sie verkauften alles, was sie hatten und am Ende sogar sich selbst, „damit das Land nicht wüst werde“. (Bereschit 47:19). Die zusätzliche Beschneidung symbolisiert hier explizit die Selbstbeherrschung und die Änderung des Lebensstils, die auf die Ägypter wartete. Sie mussten sich ändern, um die Krise zu überleben. Dabei war Josef der beste Lehrer in den schwierigen Zeiten.

Der selbstdisziplinierte Josef bekam, trotz seines Reichtums, in dieser stürmischen Zeit nur wenige Kinder. Dies bringt die ganze Philosophie der Selbstbeherrschung zum Ausdruck (Bereschit 41:50) Raschi sagt in seinem Kommentar dazu, dass es verboten sei, in den Hungerszeiten Kinder zu zeugen. Die Quelle des Verbotes leitet er aus dieser Geschichte (Raschi zu Bereschit 41:50). Resch Lakisch sagte mal: „Es ist verboten, in den Hungerjahren die Bettpflicht auszuüben, denn es heißt: Josef wurden zwei Söhne geboren, bevor das Hungerjahr anbrach“ (Der Babylonische Talmud Tana‘ait 11a). Dies betrifft allerdings nur überdurchschnittlich fromme Personen. Die anderen müssen sich nicht dazu verpflichtet fühlen, da es z.B. bekannt ist, dass Jochewed, die Frau von Amram (Mutter von Aaron und Moses) Kinder in den schwierigen Zeiten bekam.

Es ist aber schwierig, uns mit Josef zu vergleichen, denn seine Situation hatte auch zwei Herausforderungen erfüllt, die fast nie gleichzeitig vorkommen. Er hatte ein absolutes Wissen: Er wusste mit Sicherheit, dass seine Prophezeiung in Erfüllung geht, da er die Zukunft kannte; er hatte auch eine absolute Umsetzungs- und Überzeugungskraft. Die Leute, die heute Nachrichten über den Klimawandel vermitteln wollen, würden sich wahrscheinlich auch einen ähnlichen Einfluss wünschen. Heute haben wir zwar ziemlich sicheres Wissen, aber die Prognosen fallen manchmal unterschiedlich aus. Dazu, was „normal“ in den Wissenschaften ist, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Zwar stimmen 97% der Forscher darüber überein, dass der Klimawandel existiert und mit menschlichen Aktivitäten verbunden ist, aber es gibt immer noch viele Menschen, die klima-skeptisch sind. Viele wissen über den Klimawandel Bescheid, dies aber widerspricht ihren Interessen: Zum Beispiel der Konzern Exxon finanzierte fast vierzig Jahre lang  die Gegenforschung, bezahlte Experten, um die Klimawandel - Theorien zu widerlegen. Ein anderes Problem, das bisher unbeachtet blieb, sind die persönlichen Schikanen, die Klimaforscher erleben. Oft werden sie sogar von den Politikern und Konzernen unter Druck gesetzt.

Auch der Einfluss der Umweltorganisationen ist beschränkt. Man versucht die Regierungen und Konzerne zu beeinflussen aber das Missverhältnis zwischen dem Vermögen und der Umsetzungskraft ist zu groß. Stell dir vor: wenn eine solche Firma, wie Wall-Mart ein Land wäre, würde sie auf dem 25. Platz im Ranking der mächtigsten Länder stehen. Damit kann sich keine Umweltorganisation vergleichen. Die Menschen sind auch oft resistent gegen die Klimawandel-Nachrichten. Auch der Wille, die Änderungen im Lebensstil zu akzeptieren, ist nicht so groß. Dabei erwartet uns sehr viel. Die Diagnose der Klimakonferenz 2016 in Paris COP21 ist „Sparen“: Wir müssen die Erderwärmung unbedingt unter 1,5 Grad Celsius halten. Dafür müssen wir in Zukunft auf fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle verzichten. Wir sollen weniger konsumieren, dies betrifft vor allem die reichen Länder und ihre Einwohner. In der Zukunft, hier ist das Jahr 2026 gemeint, müssen alle Länder, egal ob reich oder arm, CO2-neutral und hyper-ressourceneffektiv werden. Um das umzusetzen, steht uns allen: Politikern, Klimaforschern, Aktivisten vieles bevor.  Josef, der so viele Menschen überzeugen musste, kann dabei unser Vorbild sein. 

Jetzt befinden wir uns noch in einem Moment, in dem wir uns freiwillig umstellen können, was eine viel bessere Situation ist, als dazu gezwungen zu werden. Wir haben dafür ausreichend Ideen, was die Lebensmodelle und Technologien angeht, entwickelt: Weniger Shoppen, Bio-Essen, nicht ständig auf Kurzwochenenden fliegen. Wie der Pharao leben wir in der Kultur der sofortigen Befriedigung. Das ist leider unser größter Gegner.

Die wachsende Population und der ungezähmte Konsum sind heute die zwei wichtigsten Faktoren, die die Umweltkrise verschärfen. Da im Fall der jüdischen Gemeinde die Geburtenzahl kaum problematisch ist, meistens nur, weil diese zu niedrig ist, sollen wir unseren Konsum problematisieren, sagt Dr. Goldblatt. Er fordert uns auf, die Frage zu stellen, ob es erlaubt sein kann, dass die Juden, die in reichen, entwickelten Ländern leben, auch ohne Ende konsumieren dürfen, obwohl wir die Konsequenzen kennen.

Aktion:

  • Im Jugendzentrum und in der Familie: Versuche, mit Kindern darüber zu sprechen, wie sie die Informationen über Krisen und Umweltkatastrophen empfinden. Was sind ihre Gedanken, wie gehen sie damit um? Wie geht man damit um, wenn man plötzlich z.B. mit weniger Geld auskommen muss?
  • Josefs Brüder sollen Ja‘akow, seinen Vater, nach Ägypten bringen. Sie bekommen von Josef Vorräte für unterwegs: tzeda la-derech. Bereite Dir diese Woche nur gesunde Snacks für unterwegs zu: Äpfel und Karotten sind perfekt. Kaufe lokale Lebensmittel!
  • Lege dir jede Woche oder jeden Monat eine kleine Menge Geld zurück, um bei kleinen Extrawünschen, Urlaub oder ungeplanten Engpässen immer etwas in Reserve zu haben.

Quellen

Dieser Artikel wurde von Dr. David Goldblatts Kommentar zur Parascha Wajigasch: „Lessons from Yosef’s foresight and restraint“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nasharim.

Unsere Buchempfehlungen der Woche

  • Marie Kondo „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ (2013)
  • John Naish „Genug: Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen“ (2010)
  • Wolfgang Ullrich „Habenwollen: Wie funktioniert die Konsumkultur (2008)